AKJ stat
Forschungsverbund DJI

Ausgabe 2/1998 (Download als PDF)

 

Vollzeitpflege im Wandel

Pflegeverhältnisse jenseits von Kurzzeit- und Dauerpflege

Wenn in der Fachwelt von Vollzeitpflege gesprochen wird, so wird diese häufig mit Dauerpflege in Verbindung gebracht. Unter dem Stichwort Bereitschafts- bzw. Übergangspflegestellen verhandelte Betreuungsformen haben demgegenüber eher den Hauch des Ungewöhnlichen und z.T. auch Unerwünschten (vgl. z.B. Jordan 1996, S. 19). Neben der Unterstellung der dauerhaften Pflege trägt noch eine zweite Annahme dazu bei, Pflegepersonen eine angemessene Unterstützung zu versagen: die Vorstellung, in Pflegefamilien würden überwiegend pflege- und erziehungsleichte Säuglinge und Kleinkinder betreut. Beide Einschätzungen müssen im Lichte der Kinder- und Jugendhilfestatistik relativiert werden.

    • Vollzeitpflege heißt nicht immer Dauerpflege

    • Höheres Aufnahmealter von Pflegekindern

    • Wandel der Vollzeitpflege erfordert klar konturierte Profile

 

Was? Wer? Wie lange?

Inobhutnahme (§ 42) und Herausnahme (§ 43) in der Statistik 

Seit 1995 werden in Deutschland mit Hilfe der amtlichen Statistik erstmalig nach Einführung des KJHGs Fallzahlen zur Inobhutnahme aus dem familiären Umfeld nach § 42 sowie zur Herausnahme aus nicht-familiären Kontexten nach § 43 SGB VIII erfaßt (vgl. Rauschenbach/Schilling 1997). Beide Formen der Kriseninterventionen werden in der Teilstatistik zu den vorläufigen Schutzmaßnahmen zusammengefaßt. So gesehen, eröffnen die amtlichen Daten erste empirische Hinweise über die Durchführung von eingriffsorientierten Kriseninterventionen zum Schutz der Kinder und Jugendlichen innerhalb und außerhalb der Familie, etwa zur Entwicklung der Maßnahmen, zum Alter der Klienten sowie zur Dauer der Krisenintervention in der Kinder- und Jugendhilfe.

Maßnahmenanstieg bis 1996

1996 wurden in Deutschland insgesamt 28.052 vorläufige Schutzmaßnahmen durchgeführt, davon 27.822 Inobhutnahmen nach § 42. Im Vergleich zu den 1996 insgesamt 63.516 beendeten Hilfen zur Erziehung (ohne institutionelle Beratung) bedeutet das, daß knapp halb so viele Schutzmaßnahmen beendet wurden wie Hilfen zur Erziehung.
Zwischen 1995 und 1996 hat sich die Zahl der Schutzmaßnahmen um fast 20% erhöht (vgl. Späth 1998). Diese Steigerung ist jedoch auf eine anzunehmende Untererfassung bei der ersten Erhebung zurückzuführen (vgl. Busch 1997), vermutlich aber auch Resultat einer vermehrten Anwendung der §§ 42 und 43 in der Jugendhilfepraxis. Dies zumindest legt die KJH-Statistik zu den Ausgaben nahe. Für den Bereich der Schutzmaßnahmen sind die Ausgaben zwischen 1995 und 1996 um knapp 14,5 Mio. DM (+13%) auf ca. 126 Mio. DM gestiegen.
 

Wer bezahlt die Kinder- und Jugendhilfe?

[ms] Die Teilstatistik »öffentliche Ausgaben und Einnahmen der Kinder- und Jugendhilfe« der KJH-Statistik weist den gesamten Aufwand der öffentlichen Hand für die Kinder- und Jugendhilfe nach. Die Erhebung ist allerdings so konzipiert, daß der Aufwand der jeweiligen Gebietskörperschaft, die direkt die Leistung an den Letztempfänger zahlt, erfaßt wird. Dies bedeutet, daß Zuweisungen, Umlagen, Erstattungen, Darlehen und durchlaufende Gelder nicht erfaßt werden. Somit weist die KJH-Statistik z.B. für das Jahr 1995 nach, daß 81% der Kosten bei den Kommunen, 18% bei den Ländern bzw. Stadtstaaten und 1% beim Bund entstanden sind. Diese Angaben dürfen allerdings nicht dahingehend mißverstanden werden, daß auch 81% dieser Kosten alleine von den kommunalen Haushalten getragen werden müssen. Erst die Auswertung der Rechnungsergebnisse des öffentlichen Gesamthaushalts (Finanzstatistik) gibt darüber Aufschluß, wer letzten Endes wieviel öffentliche Gelder für die Kinder- und Jugendhilfe in einem Haushaltsjahr aufwendet.
Beim Vergleich der beiden Statistiken ist zu berücksichtigen, daß die in der Finanzstatistik ausgewiesenen reinen Gesamtausgaben nicht exakt mit den Angaben der KJH-Statistik übereinstimmen. Dies hängt damit zusammen, daß bei der KJH-Statistik einige Haushaltspositionen an anderer Stelle berücksichtigt werden, wie z.B. die Ausgaben für die Jugendhilfeverwaltung. Zusätzlich ist aber auch aus einigen Bundesländern bekannt, daß die Umsetzung der bundesweit gültigen Haushaltssystematik noch nicht endgültig angepaßt wurde, was bei den maschinellen Meldungen der Rechenzentren zur Finanzstatistik zu Fehlzuordnungen führt.
Trotz dieser Unterschiede können die Ergebnisse zumindest tendenziell aufzeigen, in welchem Maße sich die staatlichen Ebenen an den Kosten der Kinder- und Jugendhilfe beteiligen. Somit wird ein anderes Bild erkennbar, als dies die KJH-Statistik vermittelt.
Die Finanzstatistik weist nach, daß die reinen Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe ? im Unterschied zur KJH-Statistik zu 61% von den Gemeinden, zu 35% von den Ländern und zu 1% vom Bund getragen werden (vgl. Tab. 1). Betrachtet man darüber hinaus die reinen Ausgaben in den alten und neuen Bundesländern und vernachlässigt die Ausgaben des Bundes und der Stadtstaaten (diese können nicht eindeutig zu den alten und neuen Ländern zugeordnet werden), so zeigen die Ergebnisse deutliche Unterschiede. Beteiligte sich die Landesebene in den alten Ländern mit knapp 27% an den Kosten für die Kinder- und Jugendhilfe, waren es in den neuen Bundesländern fast 36%. Erkennbar wird, daß die Kinder- und Jugendhilfe in den neuen Ländern eine stärkere Unterstützung durch die Landesebene erfährt. Als Ergebnis des Vergleichs kann festgehalten werden, daß die Kostenlast der Kinder- und Jugendhilfe nicht nur auf den Schultern der Kommunen liegt, sondern zu einem nicht unerheblichen Teil von der Landes- und Bundesebene getragen wird.

Tabelle 1: Reine Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe nach staatlichen Ebenen (1995; in Millionen DM)

Staatliche Ebenen

Insgesamt

davon: ohne Ausgaben des Bundes und der Stadtstaaten

D-West

D-Ost

in Mio. DM

Bund

1.200

?.?

?.?

Länder

11.056

5.492

2.453

Gemeinden

19.102

14.668

4.434

Insgesamt

31.358

20.160

6.887

in Prozent

Bund

3,8

?,?

?,?

Länder

35,3

27,2

35,6

Gemeinden

60,9

72,8

64,4

Insgesamt

100,0

100,0

100,0

Quelle: StaBu: Fachserie 14 »Finanzen und Steuern«, Reihe 3.1 Rechnungsergebnisse des öffentlichen Gesamthaushalts 1995, Stuttgart 1998

Jugendhilfe als Station von Straßenkarrieren

Zwischen Straße und Jugendhilfe ? zum Ausmaß der Pendelkarrieren bei Straßen»kindern«

[jp] Generell fehlen in Deutschland verläßliche Angaben über Kinder und Jugendliche, die auf der Straße leben. Viele Zahlen werden in der öffentlichen Diskussion gehandelt, doch scheint derzeit keine hieb- und stichfest zu sein. Schätzungen schwanken zwischen 50.000 (Diakonisches Werk), 40.000 (ISA 1996) und 1.500?2.500 (vgl. Seidel 1995).
Zwar ist auch die KJH-Statistik nicht in der Lage, Klarheit in dieses Dunkel zu bringen. Dennoch enthält die Statistik einige Hinweise auf das Ausmaß der auf der Straße lebenden jungen Menschen, die anschließend Hilfen zur Erziehung erhalten. Hierzu muß man die Angaben zur Herkunft der Kinder und Jugendlichen aus den Teilstatistiken zu den erzieherischen Hilfen aufsummieren.
Das Leben eines Großteils dieser Personengruppe wird zumindest phasenweise als »Pendelkarriere« charakterisiert (vgl. Permien/Zink (1998), bei dem der Aufenthaltsort der jungen Menschen häufig zwischen Familie, Straße und Jugendhilfe wechselt. Der Wechsel zwischen Familie und Straße liegt in einer statistischen Grauzone, da niemand genau sagen kann, wie viele der pendelnden jungen Menschen sich gerade auf der Straße bzw. in der Familie aufhalten.
Mit Blick auf die Schnittstelle zwischen Straße und Jugendhilfe bietet die KJH-Statistik zumindest Anhaltspunkte über die Häufigkeit der Inanspruchnahme von Aufgaben und Leistungen der Jugendhilfe durch junge Menschen ohne vorherige feste Unterkunft. So gibt die Statistik darüber Auskunft, wie viele Hilfen zur Erziehung von jungen Menschen in Anspruch genommen werden, die vor der Hilfegewährung keine feste Unterkunft hatten (vgl. Tab. 1).
Insgesamt werden dabei in knapp 3.500 Fällen junge Menschen ? in erster Linie Jugendliche ? betreut. Da es prinzipiell möglich ist, daß ein junger Mensch innerhalb eines Jahres zeitlich versetzt oder parallel verschiedene Formen der Hilfen zur Erziehung in Anspruch nehmen kann, handelt es sich hier nicht um Personen, sondern um die Anzahl der Hilfeleistungen.

Tabelle 1: Junge Menschen ohne feste Unterkunft vor der Durchführung einer Hilfe zur Erziehung bzw. einer vorläufigen Schutzmaßnahme (Deutschland; 1996)

Art der Maßnahme/LeistungAnzahl
Insgesamt4.828
Vorläufige Schutzmaßnahmen1.401
Hilfen zur Erziehung gesamt3.427
davon: 
  Institutionelle Beratung1.893
  Betreuung einzel. junger Menschen344
  Erziehung in einer Tagesgruppe3
  Vollzeitpflege in anderer Familie64
  Heimerziehung/sonst. betr. Wohnf.1.039
  ISE84

Quelle: StaBu Reihen 6.1.1, 6.1.2, 6.1.3 (1998); eigene Berechnungen


Neben den Hilfen zur Erziehung werden junge Menschen ohne eine feste Unterkunft aber auch im Rahmen der Erhebung zur Inobhutnahme und Herausnahme erfaßt. Insgesamt wurden 1996 1.400 Maßnahmen dieser Art für Kinder und Jugendliche, die keine feste Unterkunft hatten, durchgeführt (vgl. Tab. 1). Vor allem in dieser Statistik ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß die Heranwachsenden innerhalb eines Jahres mehrfach erfaßt werden.
Zusammengefaßt heißt das, daß 1996 in mehr als 4.800 Fällen junge Menschen ohne eine feste Unterkunft mit Eingriffen und Leistungen der Jugendhilfe in Berührung kamen. Die tatsächliche Zahl der jungen Menschen ohne eine feste Unterkunft dürfte jedoch über diesen Angaben liegen, da davon auszugehen ist, daß nicht alle auf der Straße lebenden Kinder und Jugendliche von der Jugendhilfe erreicht werden. 


Zum Beitrag »Kostenexplosion in der Kinder- und Jugendhilfe?« (Heft 1)

Mit dem Projekt KomDat-Jugenhilfe eröffnen sich Chancen, die in der amtlichen Jugendhilfestatistik angelegten vielfältigen Informationen zum Jugendhilfegeschehen und dessen Veränderungsdynamik einer breiten Fachöffentlichkeit zumindest exemplarisch immer wieder zu erschließen und dadurch eine intensivere Nutzung dieses bislang sicherlich vernachlässigten Datenmaterials anzuregen. Das kann im Ergebnis nicht nur manche interessante Erkenntnis bringen, sondern es kann vor allem auch dazu beitragen, (fach-)öffentliche Diskurse, beispielsweise um die Inanspruchnahme-, Struktur- und Kostenentwicklungen in den Aufgabenfeldern der Jugendhilfe auch im (kommunal-)politischen Raum zu fundieren und damit zu versachlichen.
Der Beitrag »Kostenexplosion in der Kinder- und Jugendhilfe?« in Heft Nr. 1 scheint mir ein gutes Beispiel gerade für diese letztere Zielrichtung zu sein. In ihm wird knapp und überzeugend gezeigt, daß das (Vor-) Urteil von einer übermäßigen Kostenexplosion im Bereich der Jugendhilfe angesichts der Faktenlage nicht haltbar ist; hier im Sinne der genannten Funktion also wichtige Hinweise zur Versachlichung der Diskussion gegeben werden. Andererseits ist gerade dieser Beitrag aber auch ein anschaulicher Beleg dafür, wie vielschichtig die in den Daten »schlummernden« Interpretationsmöglichkeiten sind. Durchaus kontrovers läßt sich nämlich die inhaltliche Bewertung zur Entwicklungsdynamik der Ausgaben für ambulante versus stationäre Hilfen diskutieren, die dort in die Einschätzung mündet, die Daten zeigten auch die gelingende Umsetzung der Intentionen des KJHG hinsichtlich der Stärkung familienorientierter und lebensweltorientierter Jugendhilfeleistungen.
Diese Sachaussage ist natürlich zunächst insofern nicht ganz falsch, als (vgl. Tab. 3 in Heft 1) im Zeitraum 1992 bis 1996 die Aufwendungen für die ambulanten und die teilstationären Hilfen in Deutschland um jeweils gut 100% stiegen, die für stationäre Hilfen dagegen nur um 26%. Dennoch scheint mir die fachliche Interpretation einigermaßen »wohlwollend« im Sinne einer vermeintlich innovativen Jugendhilfeentwicklung. Die auf den ersten Blick gravierend deutlicheren Zuwächse bei den ambulanten und den teilstationären Hilfen fallen ja vor allem deshalb so hoch aus, weil die Ausgangsgrößen im Jahr 1992 so niedrig waren (nämlich nur 4,5% bzw. 3,8% an allen Ausgaben für HzE)! Die Daten in der Tabelle 3 lassen sich aber hinsichtlich der Gewichtungen und Tendenzen auch ganz anders lesen, und dann stellt sich möglicherweise doch eher eine gewisse Ernüchterung zum Verhältnis von Innovation und Beharrungsvermögen traditioneller Strukturen ein:
1996 betrug der Anteil der Ausgaben für stationäre Hilfen an den Gesamtausgaben der HzE immer noch 87,2%; dies ist gegenüber 91,7% kein sehr ermutigender Hinweis auf dynamische Veränderungen (Verschiebung binnen 4 Jahren: 4,5%!);
während für ambulante/teilstationäre Hilfen im Jahr 1996 ca. 430 Mio. DM mehr aufgewendet wurden als im Jahr 1992, wurden für stationäre Hilfen im Jahr 1996 ca. 1.210 Mio. DM mehr ausgegeben; also hier eine dreifach höhere Zuwachsrate; anders formuliert:
von dem Mehraufwand für Hilfen zur Erziehung im Jahr 1996 gegenüber 1992 in Höhe von ca. 1.640 Mio. DM entfielen 74% auf den stationären Bereich.
Wenngleich hinter diesen Aufwandsentwicklungen wegen der typischerweise sehr unterschiedlichen Einzelfallkosten der Hilfearten natürlich noch einmal quantitativ andere Verschiebungen bei den Fallzahlen stehen, so wird doch deutlich, daß es wohl erheblich stärkerer Anstrengungen als bisher bedarf, wenn das Feld der Hilfen zur Erziehung tatsächlich entsprechend der Intentionen des KJHG ausdifferenziert und damit auch einer lebensweltorientierten Jugendhilfe nachdrücklicher der Weg geebnet werden soll.
Über diese fachliche Einschätzung hinaus mögen diese Anmerkungen Beispiel für manche interessante und durchaus unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten der Jugendhilfestatistik im Kontext der Diskussionen um die Entwicklungen in der Jugendhilfe sein. Ich würde mir wünschen, daß KomDat ? Jugendhilfe dazu weiter (und auf Dauer) anregen wird.
Dr. Ulrich Bürger, Landeswohlfahrtsverband Württemberg-Hohenzollern, Stuttgart

 

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