AKJ stat
Forschungsverbund DJI

Ausgabe 1/1998

Warum noch ein Infodienst?


Gibt es nicht schon genügend Informationsblätter, die tagtäglich auf die Tische der Verantwortlichen für die Kinder- und Jugendhilfe gelangen und den Anspruch erheben, fachlich fundiert über die neuesten Entwicklungen aus der Jugendhilfepraxis, der Jugendhilfepolitik und der Wissenschaft zu berichten? Zweifellos, aber gibt es auch Hinweise zu bundeseinheitlichen statistischen Ergebnissen? Bisher noch nicht. Diese Lücke möchte die Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik mit dem dreimal jährlich erscheinenden Informationsdienst Kommentierte Daten der Kinder- und Jugendhilfe schließen.

Woher kommen die Daten?

Mit dem Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes Anfang 1991 wurde ein reformiertes und deutlich ausgeweitetes Erhebungskonzept der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik (KJH-Statistik) eingeführt. Diese gesetzlich verankerte Statistik wird als Vollerhebung vom Statistischen Bundesamt durchgeführt, wobei die auskunftspflichtigen öffentlichen und freien Träger der Jugendhilfe ihre Daten an die Statistischen Landesämter melden. Die Zusammenstellung und Veröffentlichung der Bundesdaten erfolgt durch das Statistische Bundesamt.

Wer sind wir?

Die Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik wird als dreijähriges Modellvorhaben von der Stiftung Deutsche Jugendmarke e.V. und dem MAGS NW unterstützt. Sie verfolgt das Ziel, das umfangreiche Datenmaterial der KJH-Statistik zu analysieren und fachlich so zu kommentieren, daß wichtige Hintergrundinformationen und Entwicklungstendenzen für die Jugendhilfepraxis und ?politik leichter verfügbar sind. Ferner will die Arbeitsstelle auch in kritischer Weise die Grenzen der KJH-Statistik beleuchten und Empfehlungen zur Weiterentwicklung dieser Statistik erarbeiten.

Was will KomDat leisten?

KomDat will als Informationsorgan der Arbeitsstelle, möglichst aktuell die im Laufe jedes Jahres erscheinenden Erhebungsergebnisse der KJH-Statistik kommentieren und die wichtigsten Tendenzen in knapper Form präsentieren. Zusätzlich werden Hinweise auf umfangreichere Analysen gegeben.
Darüber hinaus informiert KomDat über die Tätigkeiten der Dortmunder Arbeitsstelle und wird ? z.B. durch die Einbindung von Fremdbeiträgen ? ein Forum für den gesamten Kontext der KJH-Statistik darstellen. Ferner beinhaltet KomDat u.a. Hinweise auf anstehende Erhebungen, Publikationen zur KJH-Statistik, Fortbildungsangebote, pc-gestützte Erfassungs- und Auswertungsprogramme.

Kostenexplosion in der Kinder- und Jugendhilfe?

Im Rahmen der allgemeinen Finanzkrise und im besonderen der kommunalen Haushalte spielt die Frage nach den Kosten für die Kinder- und Jugendhilfe eine zunehmend wichtigere Rolle. Mitte 1996 wiesen die Kommunalen Spitzenverbände darauf hin, daß die Kosten für die Kinder- und Jugendhilfe zwischen 1991 und 1993 um ca. 11 Milliarden DM gestiegen sind und lösten damit eine jugendhilfepolitische Debatte über die Ausgabenentwicklung aus (vgl. Späth 1996). Ebenso wird gerade im Rahmen der neuen Steuerung zunehmend versucht, die Anzahl der Heimunterbringungen zu reduzieren, da diese offensichtlich einen bedeutenden Kostenfaktor innerhalb der kommunalen Haushalte darstellen. Bei so viel öffentlicher Aufmerksamkeit stellt sich natürlich die Frage, wodurch die deutliche Kostensteigerung der ersten Jahre des Kinder- und Jugendhilfegesetzes verursacht wurde und wie sich die Kostenentwicklung weiter fortgesetzt hat.

  • Nach deutlichen Mehrausgaben zwischen 1992 und 1993, seither nur noch leichte Steigerungen.

  • Ausgaben in den neuen Bundesländern stagnieren.

  • Der höchste Anteil der Steigerungen wird durch Kindertageseinrichtungen und Hilfen zur Erziehung verursacht.

  • Die Ausgaben für ambulante Hilfen zur Erziehung steigen stärker als für stationäre.

Schon Ende 1996, nachdem die Erhebungsergebnisse für das Haushaltsjahr 1994 vorlagen, wurde deutlich, daß sich der dramatische Anstieg zwischen 1991 und 1993 nicht fortsetzte. Ebenso zeigte sich, daß die gemeldeten Ausgaben für 1991 hauptsächlich auf eine Untererfassung bei der Neueinführung der erheblich differenzierteren Statistik über die Ausgaben und Einnahmen der Jugendhilfe zurückzuführen ist, so daß die 91er Ergebnisse vom Statistischen Bundesamt nicht offiziell veröffentlicht wurden. Bei der Umstellung auf die neue Erhebungskonzeption ergaben sich spezifische Erhebungsschwierigkeiten, die einerseits darin begründet waren, daß eine umfangreichere und differenziertere Erhebungsform gewählt wurde und die notwendigen Daten aufgrund der Umstellung auf die neue Hauhaltssystematik noch gar nicht vorlagen. Deshalb wurden die Ergebnisse für 1991 auch nicht vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht (ausführlich wird dieses Problem bei Kolvenbach 1997, S. 392 behandelt).  Inzwischen liegen die Ergebnisse auch für das Jahr 1996 vor und erlauben eine differenziertere Aussage über die weitere Entwicklung.


Stärkster Anstieg zwischen 1992 und 1993

Um die realen Kosten darzustellen, die der öffentlichen Hand durch die Kinder- und Jugendhilfe entstehen, wird im folgenden auf die reinen Ausgaben (abzüglich der Einnahmen von ca. DM 4 Mrd. jährlich) Bezug genommen. Den stärksten Anstieg der reinen Ausgaben weist die Statistik zwischen 1992 und 1993 mit fast DM 4,3 Mrd. für ganz Deutschland aus. In den Folgejahren waren es allerdings nur noch ca. DM 1 Mrd. pro Jahr, d.h., der Anstieg hat sich deutlich verlangsamt (vgl. Tab. 1).

Tab. 1: Entwicklung der reinen Ausgaben für die Kinder-
und Jugendhilfe in den alten und neuen Bundesländern
1992 bis 1995 ( in 1.000 DM)
  DeutschlandAlte Länder1Neue Länder1
199223.831.38316.901.1316.714.372
199328.109.39819.826.0258.056.346
199428.832.42120.746.9287.866.444
199529.530.03621.547.5117.773.701
199630.447.19822.429.0517.823.150

1 Ohne Ausgaben der obersten Bundesjugendbehörde;
Ausgaben für West- und Ost-Berlin geschätzt.
Quelle: Statistisches Bundesamt (1995a; 1995b; 1996; 1997)

Bedeutend ist auch der Unterschied zwischen den alten und neuen Bundesländern. War in den alten Bundesländern zunächst eine Steigerung von 17, 3% zu verzeichnen, ging dieser auf 4,6% und im Jahre 1995 auf 3,9% zurück, um dann wieder leicht anzusteigen (vgl. Abb. 1). In den neuen Bundesländern war zunächst ein deutlicher Anstieg zu beobachten, allerdings gingen in den Folgejahren die reinen Ausgaben sogar um 2,4% bzw. 1,2% zurück. 1996 war dann eine leichte Zunahme zu verzeichnen.

Abb. 1: Prozentuale Veränderung zum Vorjahr der reinen Ausgaben
zwischen 1992 und 1995 (alte und neue Länder)

 


Deutlichste Kostensteigerungen bei Kindertageseinrichtungen und Hilfen zur Erziehung

Wie ist diese Entwicklung zu erklären? Besonders auffallend ist der deutliche Anstieg zwischen 1992 und 1993. Für den Erhebungszeitpunkt 1992 ist nicht auszuschließen, daß die Konsolidierung des Erhebungsverfahrens noch nicht abgeschlossen war und somit die Steigerung zu einem nicht bestimmbaren Anteil nur ein statistisches Artefakt darstellt. Allerdings läßt die Aufschlüsselung der reinen Ausgaben nach Arbeitsfeldern erkennen, daß der starke Anstieg hauptsächlich auf die gestiegenen Kosten für die Kindertagesbetreuung zurückgeht, in den alten Bundesländern waren dies immerhin 77% und in den neuen Bundesländern 62% der gesamten Kostensteigerung (vgl. Tab. 2). Hier liegt die Vermutung nahe, daß die gesetzliche Fixierung eines bedarfsgerechten Ausbaus durch das KJHG vor Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz zum 1. Januar 1996 in den alten Bundesländern Auswirkungen zeigte.

Tab. 2: Entwicklung der reinen Ausgaben1 für die Kinder-
und Jugendhilfe nach zusammengefaßten Leistungsarten für
die alten und neuen Bundesländer 1992?1996
    

 

19921993199419951996Veränd. 92/93Veränd. z. Vorj. in %
Abs.%92/9393/9494/9595/96
Alte
Länder
Tageseinricht. für Kinder8.767.77611.014.40011.468.75411.712.40012.200.6352.246.62476,825,64,12,14,2
HZE24.360.8034.874.8225.237.7685.548.4535.778.314514.01917,611,87,45,94,1
Reine Ausgaben insg.16.901.13119.826.02520.746.92821.547.51122.429.0512.924.894100,017,34,63,94,1
Neue
Länder
Tageseinricht. für Kinder5.103.6215.933.8775.506.3145.073.2735.014.135830.25661,916,3-7,2-7,9-1,2
HZE2990.6311.183.8181.338.9251.499.4501.588.359193.18714,419,513,112,05,9
Reine Ausgaben insg.6.714.3728.056.3467.866.4447.773.7017.823.1501.341.974100,020,0-2,4-1,20,6
1 = Ohne Ausgaben der obersten Jugendbehörde; Angaben für Ost- und West-Berlin geschätzt
2 = Hilfen zur Erziehung für junge Volljährige und Inobhutnahme
Quelle: Statistisches Bundesamt (1995b; 1996; 1997)


In den neuen Bundesländern ist die Steigerung der Ausgaben ? neben einer eventuellen Untererfassung im Jahre 1992 aufgrund der sich langsam erst konsolidierenden Verwaltungsstrukturen ? auf Investitionskosten zur Verbesserung der schlechten Bausubstanz sowie der Ausstattung der Kindertageseinrichtungen zurückzuführen. Für den weiteren Anstieg zwischen den Jahren 1993 und 1996 tragen in den alten Bundesländern hauptsächlich der weitere Ausbau der Kindertageseinrichtungen und der Hilfen zur Erziehung mit einem Volumen von DM 1,2 Mrd. bzw. DM 900 Mio. und einer Steigerung von 10,8% bzw. 18,5% bei. In den neuen Bundesländern schlägt sich im gleichen Zeitraum der notwendige Abbau von Plätzen in Kindertageseinrichtungen durch einen Rückgang der Kosten um DM 920 Mio. und der Ausbau der Hilfen zur Erziehung mit einer Zunahme von DM 404 Mio. nieder. Für den Rückgang der gesamten reinen Ausgaben ist somit hauptsächlich der abnehmende Bedarf an Plätzen in Kindertageseinrichtungen verantwortlich.


Kosten für ambulante Hilfen steigen stärker als für stationäre

Der Anstieg der Ausgaben im Bereich der Hilfen zur Erziehung ist nicht gleichzusetzen mit den Kosten für die Heimerziehung. Die Statistik differenziert die Ausgaben nach den einzelnen Leistungsparagraphen 28?35 KJHG, so daß Aussagen zur Kostenentwicklung bei ambulanten, teilstationären und stationären erzieherischen Hilfen gemacht werden können. Hierbei zeigt sich zwar, daß die Kosten für die stationären erzieherischen Hilfen mit fast 87,2% im Jahre 1996 den größten Anteil an den Hilfen zur Erziehung ausmachen, allerdings ist ebenfalls zu beobachten, daß die Aufwendungen für die ambulanten und teilstationären Hilfen deutlich stärker gestiegen sind. Wurden 1996 in den alten Bundesländern 24% mehr aufgewendet als 1992, lagen die Steigerungsraten bei den ambulanten bzw. teilstationären Hilfen bei 73% bzw. 81% (vgl. Tab. 3). In den neuen Ländern sind sie aufgrund der geringen Ausgangswerte deutlich höher, besonders bei den Tagesgruppen. Somit ist auch an der Kostenentwicklung die Umsetzung der Intention des KJHGs erkennbar, verstärkt familienunterstützende Hilfen einzusetzen, um eine lebensweltorientierte Kinder- und Jugendhilfe zu gewährleisten.

Tab. 3: Entwicklung der reinen Ausgaben für Hilfen zur
Erziehung nach Hilfeart für die alten und neuen Bundesländer
1992 und 1996 (in 1.000 DM)
     19921996Veränd. 92/96  in %
Abs.%Abs.%

Deutschland

Ambulant1224.3634,5450.6896,8100,9
Teilstationär187.6353,8393.2725,9109,6
Stationär4.558.89491,75.771.26987,226,6

Alte Länder2

Ambulant1201.0475,0348.5686,873,4
Teilstationär185.6814,7336.2326,681,1
Stationär3.598.45490,34.416.59686,622,7

Neue Länder2

Ambulant123.3162,4102.1216,8338,0
Teilstationär1.9560,257.0393,82.816,1
Stationär959.39597,41347.98389,440,5

1 Ohne Ausgaben für Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungs-stellen, da eine eindeutige Zuordnung zu den Hilfen zurErziehung nicht möglich ist.2 Ohne Ausgaben der obersten Jugendbehörde; Ausgaben für West-und Ost-Berliln geschätzt.Quelle: Statistisches Bundesamt (1995a; 1995b; 1996; 1997)

Insgesamt kann somit nicht von einer übermäßigen Explosion der Kosten in der Kinder- und Jugendhilfe gesprochen werden, sondern ausschließlich von einer Kostensteigerung, die der allgemeinen Haushaltsentwicklung entspricht.

Datenerfassung mit Lücken?

Hilfen zur Erziehung außerhalb des Elternhauses im »Bestandsdatendilemma«

Alle Hilfen zur Erziehung außerhalb des Elternhauses (Vollzeitpflege, Heimerziehung, ISE, Tagesgruppenerziehung) werden seit 1991 im Rahmen der KJH-Statistik erhoben. Aufgrund der besonderen biographischen Bedeutung dieser Hilfen wird ein differenziertes Erhebungskonzept verwendet, das auf den Beginn- und Ende-Meldungen jeder einzelnen Hilfe basiert. Um den Bestand zum 31.12. jedes Jahres zu berechnen, wird alle fünf Jahre ? beginnend mit dem 1.1.1991 ? der Bestand erhoben, von dem die begonnenen und beendeten Hilfen der jeweiligen Jahre addiert bzw. subtrahiert werden. Dieses Verfahren erlaubt zeitnahe und differenzierte Angaben, verlangt aber von den Auskunftspflichtigen im Jugendamt, daß sie Beginn und Ende jeder Hilfe dem Statistischen Landesamt möglichst im Monatsrhythmus melden. Wird die statistische Meldung in die Fallbearbeitung integriert, ist der Aufwand geringer als bei den ursprünglichen Meldungen am Jahresende, für die alle Akten eines Jahres auszuwerten waren.


Vollzählige Bestandszahlen?

Zum 31.12.1995 wurde die zweite Bestandserhebung durchgeführt. An ihren Ergebnissen kann abgelesen werden, inwieweit sich dieses differenzierte Erhebungsverfahren in der Praxis durchgesetzt hat oder ob sich spezifische Fehler eingeschlichen haben. Eine generelle Fehlerquelle bei diesem Verfahren ist die vergessene bzw. nicht mehr zu Beginn der Hilfe zuzuordnende Ende-Meldung der Hilfe.
Die Ergebnisse der Bestandserhebung zum 31.12.1995 weisen eine erstaunlich hohe Abweichung von fast 26.000 Fällen weniger im Vergleich zum errechneten Bestand für den selben Stichtag aus (vgl. Tab. 1). Dies bedeutet, daß zwischen den Jahren 1991 und 1995 offenbar in 26.000 Fällen vergessen wurde, angemeldete Hilfen bei ihrem Ende wieder abzumelden. Prozentual beläuft sich der Fehler somit auf fast 20% für ganz Deutschland. Ein Blick auf die verschiedenen Hilfearten läßt erkennen, daß es offenbar kein hilfeartspezifischer Fehler ist. Ob es sich bei der Differenz ausschließlich um vergessene Abmeldungen handelt, kann allerdings nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden, da diese Erklärung für die Abweichung davon ausgeht, daß die Bestandserhebung zum 31.12.1995 vollzählig erfolgte. Nicht-repräsentative Nachfragen in einzelnen Jugendämtern haben ergeben, daß es offensichtlich bei der Bestandserhebung zu Untererfassungen gekommen ist. Sollte sich dies bei genaueren Recherchen verdichten, wäre insgesamt eine fatale Situation entstanden, in der das Instrument zur Bereinigung eines erwartbaren Fehlers einen neuen Fehler produziert hat, der die nächsten fünf Jahre wieder fortgeschrieben wird. Dies bedeutet allerdings nicht, daß die umfangreichen Ergebnisse dieser Statistik unbrauchbar sind. Einschränkungen sind ausschließlich bei den Bestandszahlen zum Jahresende zu berücksichtigen. Wenn es um relative Größen geht, wie z.B. die Altersverteilung oder die Verteilung auf die verschiedenen Hilfearten oder um die Anzahl der begonnen Hilfen sind immer noch aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen.

Tab. 1: Vergleich des errechneten Bestandes und der
Bestandserhebung für den 31.12.1995 (Deutschland)
  InsgesamtTages- gruppeVollzeit- pflegeHeim/ so. Woh.ISE
Ausgewiesener Bestand am 31.12.94149.25311.59556.07680.0771.505
   + Zugang 9546.1685.88211.31527.8651.106
   - Abgang 9539.1623.98810.38424.113677
(1) Errechneter Bestand am 31.12.95156.25913.48957.00783.8291.934
(2) Bestandserhebung am 31.12.95130.27710.86348.02169.9691.424
Differenz (2) - (1)   

  

  abs.25.982-2.626-8.986-13.860-510
  in %-19,9-24,2-18,7-19,8-35,8
Quelle: Statistisches Bundesamt (1996, 1997); eigene Berechnungen


Wachsende Bedeutung der Erhebungsergebnisse

Anhand dieser Ergebnisse wird aber deutlich, daß bei den Auskunftspflichtigen noch größere Sorgfalt bei den Meldungen notwendig ist. Dies ist deshalb besonders wichtig, da diese öffentlich zugänglichen Zahlen zunehmend von der Politik für fachpolitische Forderungen und Entscheidungen genutzt werden. Die Zeiten, in denen Ergebnisse der Jugendhilfestatistik eher einem Datenfriedhof glichen und auch dort in aller Stille ruhten, sind offensichtlich vorbei. Jüngstes Beispiel für die wachsende Bedeutung ist die von einem sozialwissenschaftlichen Institut entwickelte Benchmarking Software, die es einer einzelnen Kommune ermöglicht, auf der Basis der KJH-Statistik ihr KJHG-Leistungsspektrum mit 300 anderen Kommunen zu vergleichen (vgl. Xitplan-Benchmarking).


Die Lösung: Elektronische Aktenführung

Für die Erhebung der KJH-Statistik wird es somit in Zukunft darauf ankommen, 1. die Bedeutung der Ergebnisse für Politik und Planung bei den Auskunftspflichtigen deutlicher zu betonen und 2. die Meldung der KJH-Statistik in das Datenkonzept der kommunalen Jugendhilfeplanung vor Ort zu integrieren, damit ein direkt erkennbarer Nutzen für den eigenen Verantwortungsbereich entsteht. Zukunftsweisend ist in diesem Kontext der Einsatz der elektronischen Aktenführung, bei der kommunale Planungsdaten wie amtliche Daten als »Nebenprodukt« entstehen und für die Auskunftspflichtigen keine zusätzliche Belastung darstellen (vgl. Kreidenweis 1997, S. 467 f.).

Weniger öffentlich geförderte Jugendarbeit im Osten

- Erste Landesergebnisse zur Maßnahmenstatistik liegen vor -

Nach wie vor ist die Erhebung zu den Maßnahmen der öffentlich geförderten Jugendarbeit im Konzept der KJH-Statistik weitgehend unbekannt bzw. dort, wo sie bekannt ist, wird ihr kaum Bedeutung zugeschrieben. So ist es nur wenig verwunderlich, daß seit Ende letzten Jahres einzelne Statistische Landesämter die 96er Daten zur Maßnahmenstatistik von der Fachöffentlichkeit nahezu unbemerkt veröffentlicht haben.
Die einzelnen Landesergebnisse zeigen, daß in den alten Bundesländern nach wie vor mehr Maßnahmen durchgeführt werden als in den neuen Bundesländern (vgl. Abb. 1).

Abb. 1: Die Maßnahmendichte im Bundesländervergleich
(Angaben auf 10.000 der 12- bis 21jährigen Bevölkerung)

 

Im einzelnen ist in den westlichen Bundesländern zum einen eine Konsolidierung des Angebots an öffentlich geförderten Maßnahmen der Jugendarbeit zu beobachten (Hessen und NRW) sowie zum anderen ein Rückgang der Jugendarbeitsmaßnahmen (Baden-Württemberg und Niedersachsen). In den vorliegenden Ergebnissen der neuen Bundesländer ist hingegen das Angebot der in der Statistik erfaßten Maßnahmen durchweg um 10% bis 20% zurückgegangen.
Die vorliegenden statistischen Ergebnisse deuten darüber hinaus darauf hin, daß entsprechend den Maßgaben im KJHG das Subsidiaritätsprinzip prägend ist für die Kinder- und Jugendarbeit sowohl in West- als auch in Ostdeutschland.
So haben in den alten Bundesländern die freien Träger einen sich nur wenig verändernden Anteil der öffentlich geförderten Maßnahmen durchgeführt, der in der Regel, läßt man Hessen einmal außen vor, um die 90% liegt. In den neuen Bundesländern deuten die statistischen Ergebnisse darauf hin, daß das Trägergefüge nach wie vor einem nachhaltigen Wandlungsprozeß unterworfen ist hin zu einer Jugendarbeitslandschaft, die geprägt ist durch das Engagement freier Träger. Entsprechend zeigen die bislang vorliegenden östlichen Landesergebnisse, daß der Anteil der freien Träger an der Maßnahmendurchführung seit 1992 um mindestens 10 Prozentpunkte zugenommen hat.


Die Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) gewinnt an Bedeutung

Die SPFH als ambulante erzieherische Hilfe gemäß § 31 KJHG wird in Teil I (3) der KJH-Statistik erfaßt. Danach wurden 1996 insgesamt 20.179 Familien in Deutschland durch eine SPFH unterstützt. Die SPFH ist bei 7.695 Familien während des Kalenderjahres abgeschlossen worden, 12.484 SPFHs werden noch fortgesetzt.
Die Gesamtzahl der SPFHs ist im Zeitraum von 1991 bis 1996 ? mit Ausnahme des Jahres 1994, in dem ein leichter Rückgang zu verzeichnen war ? kontinuierlich von 13.027 auf 20.179 angestiegen. Dies entspricht einer Steigerung von 54,9% und macht deutlich, daß die SPFH als intensive und übergreifende Form der ambulanten Hilfen zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Von 10.000 Familien mit Kindern unter 18 Jahren nahmen 31,5 in den neuen und nur 18,6 in den alten Bundesländern die SPFH in Anspruch (vgl. Abb. 2), was die wesentlich größere Relevanz der SPFH in der Jugendhilfe-Ost wiederspiegelt und vermutlich auf den hohen Anteil Alleinerziehender, den Rückgang ehrenamtlicher JugendhelferInnen und den damit steigenden Bedarf professioneller Hilfe sowie auf die, zumindest bis 1995 zahlreich eingerichteten ABM-Stellen, in den neuen Bundesländern zurückzuführen ist (vgl. Kühl 1997, S. 154 f.).

Abb. 2: SPFHs auf 10.000 Familien in den alten und
neuen Bundesländern
 

Bei den weiteren Ergebnissen zur SPFH lassen sich zwei Entwicklungen, die sich bereits in den letzten Jahren abzeichneten, für das Jahr 1996 weiter bestätigen.
1. Wurden 1992 noch über 2/3 aller SPFHs von öffentlichen Trägern durchgeführt, so ist der Anteil auf knapp 57% im Jahr 1996 gesunken, entsprechend stieg der Anteil der SPFHs, die von freien Trägern geleistet wurden, im gleichen Zeitraum von 22,9% auf 43,2% an. Diese erhebliche Steigerung ist jedoch vor allem auf die Zunahme von Angeboten der SPFH durch freie Träger im Zusammenhang des allgemeinen Aufbaus einer pluralen Trägerstruktur und im Sinne des Subsidiaritätsprinzips in den neuen Bundesländern zurückzuführen; hier stieg der Anteil um das 6fache.
2. 1996 wurden ca. die Hälfte (48,9%) aller SPFHs von Alleinerziehenden Elternteilen in Anspruch genommen. Damit stieg der Anteil dieser ohnehin überrepräsentierten Familienform ? bezogen auf den Bevölkerungsdurchschnitt ? im Vergleich zu 1991 um 9,1% an. Diese Zahlen legen die Vermutung nahe, daß die SPFH als ambulante, alltagsorientierte Erziehungshilfe den besonderen Bedarfslagen Alleinerziehender hinsichtlich der Unterstützung bei der Haushaltsführung, der Kindererziehung und -betreuung sowie materieller Problemsituationen in besonderem Maße gerecht wird.


PC-Unterstützung bei der Erfassung der KJHG-Statistik

Die KJH-Statistik ist darauf angewiesen, daß die Auskunftspflichtigen bei den öffentlichen und freien Trägern der Jugendhilfe sorgfältig jeden einzelnen Fall den Statistischen Landesämtern melden. Um die Auskunftspflichtigen zu entlasten, ist es sinnvoll, die Erfassung der KJHG-Statistik an amts- bzw. trägerinterne Erhebungen, z.B. für die Jugendhilfeplanung, anzubieten. Inzwischen gibt es mehrere kommerzielle Anbieter für diese Programme. Da die Angebotslandschaft unübersichtlich geworden ist, werden in KomDat in dieser Rubrik einzelne Programme kurz vorgestellt. Bisher sind der Arbeitsstelle folgende Programme bekannt:

  • ISA Geschäftsstatistik
  • Gedok
  • Recos 14
  • Info 51
  • C & S Client
  • PROSOZ/J 
  • Ebuco (Erziehungsberatungsstellen)


Veranstaltungen

Auf dem Bundeskongreß Soziale Arbeit in Dresden vom 17. bis 19. Sept. 98 wird am 18. Sept. eine Arbeitsgruppe zum Berichtswesen in der Erziehungshilfe angeboten. Thema ist u.a., wie mittels Daten Aussagen zu Leistungen der Jugendhilfe gemacht werden können.
Außerdem wird die Arbeitsstelle auf dem Kongreß mit einem Info-Stand am 18. Sept. vertreten sein. Über einen Besuch würden wir uns freuen.

Literatur mit und über die KJHG-Statistik

Die KJH-Statistik findet zunehmend Verwendung in Fachbeiträgen zur Kinder- und Jugendhilfe. An dieser Stelle werden die KomDat-LeserInnen über die neuesten Beiträge, in denen Ergebnisse der KJH-Statistik verwendet werden oder die das Erhebungskonzept betreffen, informiert.

Rauschenbach, Th./Schilling, M.: Die Kinder- und Jugendhilfe und ihre Statistik. Band 1: Einführung und Grundlagen. Neuwied: Luchterhand 1997.
Mit Band 1 steht ein Grundlagenwerk zur Verfügung, das in Aufgaben, Aufbau, Geschichte, Nutzungsmöglichkeiten und zentrale Ergebnisse der KJH-Statistik einführt.

Rauschenbach, Th./Schilling, M. (Hrsg.): Die Kinder- und Jugendhilfe und ihre Statistik. Band 2: Analysen, Befunde und Perspektiven. Neuwied: Luchterhand 1997.
In Band 2 werden in Einzelbeiträgen Erhebungsergebnisse zu ambulanten und stationären erzieherischen Hilfen, zur Jugendarbeit, zu Kindertageseinrichtungen präsentiert und analysiert. Gleichzeitig stellen die Beiträge eine fachliche Einführung in die genannten Arbeitsfelder dar. Ebenso wird die Bedeutung der Statistik für Bund, Länder und Gemeinden sowie für die freien Träger der Kinder- und Jugendhilfe dargestellt.

Markert, A./van Santen, E./ Seckinger, M./Weigel, N.: Situation und Perspektiven der Jugendhilfe ? Eine empirische Zwischenbilanz, München: DJI Verlag 1998.
In der Publikation werden die Befunde einer standardisierten Befragung bei 82 Jugendämtern und 362 freien Trägern dargestellt. Die Ergebnisse der KJH-Statistik werden immer wieder als Hintergrundinformation herangezogen, um z.B. die eigenen Befunde auf der Grundlage der bisherigen Entwicklung zu interpretieren.

 

 

In diesem Heft verwendete Literatur:

Kolvenbach, F.-J.: Die Finanzierung der Kinder- und Jugendhilfe. Zur Empirie eines vernachlässigten Themas, in: Rauschenbach/Schilling 1997, S. 367-402.

Kreidenweis, H.: Jugendhilfestatistik per Knopfdruck, in: Rauschenbach/Schilling 1997, S. 459-478.

Kühl, W.: Kompetenzentwicklung der Sozialpädagogischen Familienhilfe in den neuen Bundesländern, in: Neue Praxis, 27. Jg., 1997, H. 2, S.154-168.

Späth, K.: Das Kinder- und Jugendhilfegesetz erhalten u. umsetzen, nicht verändern. Kommunale Spitzenverbände fordern Einschnitte in zentrale Leistungsbereiche des KJHG, in: ZfJ, 83. Jg., 1996, H. 9, S. 347-349.

Rauschenbach, Th./Schilling, M. (Hrsg.): Die Kinder- und Jugendhilfe und ihre Statistik. Band 2, Neuwied 1997.
Statistisches Bundesamt: Fachserie 13, Reihe 6.1 bis 6.4, Wiesbaden, verschiedene Jahrgänge.

XitPlan-Benchmarking: sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut Xitforschung.planung.beratung Nürnberg März 98.

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