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Forschungsverbund DJI

Eingliederungshilfen für junge Menschen mit einer seelischen Behinderung

Empirische Befunde zur Inanspruchnahme von Hilfen gem. § 35a SGB VIII

Der Leistungstatbestand des §35a SGB VIII zu den Eingliederungshilfen für die seelisch behinderten jungen Menschen bzw. für die von einer solchen Behinderung bedrohten Personen [1] dürfte wohl mit zu den umstrittensten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes gehören. Seit Inkrafttreten des Gesetzes ist die rechtliche Ausgestaltung auch deshalb mehrfach verändert worden, zuletzt durch das "KICK" im Jahre 2005.[2] Das Spektrum der Streitpunkte ist beträchtlich und erstreckt sich von einem allgemein gültigen Behinderungsbegriff über Fragen der Abgrenzung zu den Hilfen zur Erziehung, Verfahrensfragen für die Jugendämter bis hin zur Klärung von Zuständigkeitsbereichen für die Kinder- und Jugendhilfe in Abgrenzung zur Behinderten- und Sozialhilfe. Dabei lagen bislang keine bundesweiten Angaben über die Inanspruchnahme dieser Maßnahmen vor. Das hat sich mit der Erhebung der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik für das Jahr 2007 verändert. Der Beitrag gibt einen ersten Überblick über die Ergebnisse dieser ersten Fallzahlenerhebung.

Die neue Datenlage

Lange Zeit berücksichtigte die amtliche Kinder- und Jugendhilfestatistik die Eingliederungshilfen für seelisch behinderte junge Menschen gem. § 35a SGB VIII lediglich mit Blick auf die jährlichen Ausgaben der Kommunen für die Finanzierung dieser Leistungen.[3] Darüber hinaus lagen jedoch keine Daten vor. Dabei hatte der Gesetzgeber bereits Mitte der 1990er-Jahre eine entsprechende Erhebung im SGB VIII rechtlich verankert, aber nicht zuletzt aufgrund von Unklarheiten bei der Festlegung der Erhebungsmerkmale immer wieder verschoben.[4] Ob noch andere Gründe für das Fehlen einer entsprechenden Erhebung maßgeblich gewesen sein könnten, kann an dieser Stelle nicht aufgeklärt werden. Gleichwohl äußert beispielsweise Späth (2002) [5] sich dahingehend, dass in der zeitlichen Verzögerung einer statistischen Erhebung auch die ablehnende Haltung der Kinder- und Jugendhilfe gegenüber dem Leistungstatbestand § 35a SGB VIII deutlich wird.

Seit dem Erhebungsjahr 2007 werden ungeachtet dessen diese Maßnahmen zusammen mit den Hilfen zur Erziehung und den Hilfen für junge Volljährige statistisch erfasst. Auskunftspflichtig sind die Jugendämter. Gezählt werden jährlich die zum Ende eines Jahres andauernden Hilfen (Stichtag 31.12.) sowie die im Laufe eines Jahres beendeten Maßnahmen. Durch die Erfassung des Beginnjahres liegen zudem Informationen über die innerhalb eines Jahres begonnenen Hilfen vor.

Bei den genannten Hilfen und damit auch für die Eingliederungshilfen gemäß § 35a SGB VIII erfasst werden u.a. die Art des Trägers, die Art der Hilfe, der Ort der Hilfedurchführung, die Dauer und Betreuungsintensität einer Maßnahme, die Gründe für eine Hilfegewährung, das Geschlecht und das Alter der jungen Menschen, aber auch die Lebenssituation der Hilfeempfängers sowie der Grund für die Beendigung einer Maßnahmen und Angaben über die Situation im Anschluss an die Hilfe.[6]

Diese Ergebnisse der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik werden vom Statistischen Bundesamt (www.destatis.de >> Publikationen >> Publikationsservice) sowie von den Statistischen Landesämtern veröffentlicht.[7]

Für die erstmalige Erfassung der Eingliederungshilfen für seelisch behinderte junge Menschen müssen Abstriche bezogen auf die Vollzähligkeit und Vollständigkeit der Erhebungsergebnisse gemacht werden. Aller Voraussicht nach ist für das Erhebungsjahr 2007 von einer Untererfassung auszugehen. Wie hoch also das tatsächliche Fallzahlenvolumen dieser Maßnahmen ist, wird sich somit erst im Rahmen der folgenden turnusmäßigen Erhebungen zeigen müssen. Die nunmehr vorliegenden Resultate stellen gleichwohl eine erste Orientierungsgröße mit Blick auf das tatsächliche Fallzahlenvolumen für die Bundesrepublik insgesamt dar.

Jens Pothmann


[1]  Voraussetzung für eine Eingliederungshilfe gem. § 35a SGB VIII ist erstens, dass die seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate vom alterstypischen Zustand abweicht und daher zweitens eine Beeinträchtigung der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu konstatieren oder zu erwarten ist (vgl. z.B. Wiesner, R. u.a.: SGB VIII. Kinder- und Jugendhilfe, 3. Aufl., München 2006: 550ff.). Aus Gründen der Lesbarkeit wird auf diese Formulierung im Folgenden verzichtet. Stattdessen wird jeweils von jungen Menschen mit einer seelischen Behinderung gesprochen.

[2]  Vgl. Münder, J. u.a.: Frankfurter Kommentar zum SGB VIII: Kinder- und Jugendhilfe, 5. Aufl., Weinheim u. München 2006: 450f.

[3]  Vgl. Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe - Ausgaben und Einnahmen, versch. Jahrgänge (www.destatis.de).

[4]  Vgl. Schilling, M.: Die amtliche Kinder- und Jugendhilfestatistik. Dissertation am Fachbereich 12 der Universität Dortmund, Dortmund 2003 (http://d-nb.info/966542657 vom 30.06.09). S. 75f.

[5] Späth, K.: Vorwort, in: EREV (Hrsg.), Hilfen nach § 35a SGB VIII/KJHG. Schriftenreihe 1/2002, S. 4-7.

[6]  Vgl. Schilling, M.: Kinder- und Jugendhilfestatistik, in: J. Münder, R. Wiesner (Hrsg.), Kinder- und Jugendhilferecht, Baden-Baden 2007, S. 393-400; Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe - Erzieherische Hilfen, Eingliederungshilfen für seelisch behinderte junge Menschen, Hilfen für junge Volljährige 2007, Wiesbaden 2009.

[7]  Auf den Internetseiten der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik (www.akjstat.tu-dortmund.de) findet sich eine Übersicht über die Kontaktdaten zu den Statistischen Landesämtern. Daneben werden ausgewählte Befunde der Statistik kommentiert und in den fachlichen Kontext gestellt.

Analysen und Befunde (Auswahl)

Wie viele Eingliederungshilfen gibt es und wie hoch sind die regionalen Unterschiede?

Wer nimmt Eingliederungshilfen in Anspruch?

Wo werden Eingliederungshilfen durchgeführt?

Wie lange dauern Eingliederungshilfen?