AKJ stat
Forschungsverbund DJI

Förderung der Familie

Familienbildung - (noch immer) ein "Stiefkind" der Kinder- und Jugendhilfestatistik [als PDF]

Mit dem Beschluss der Jugendministerkonferenz zur Stärkung der Eltern- und Familienbildung im Jahr 2003 und dem erklärten Ziel, die elterliche Erziehungskompetenz zu stärken und hierfür ein breitenwirksames Angebot zu entwickeln, nahm die Eltern- und Familienbildung zu Beginn des 21. Jahrtausends neuen Fahrtwind auf. Dies führte jedoch nicht dazu, dass die Eltern- und Familienbildung ihre Position in der Kinder- und Jugendhilfelandschaft ausbauen konnte, im Gegenteil: Nach einem kurzen Anstieg zu Beginn der 2000er-Jahre ist wieder ein Rückgang der im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe geförderten Familienbildungsangebote zu verzeichnen.

Für das Jahr 2006 weist die amtliche Statistik insgesamt 326 "Einrichtungen der Eltern- und Familienbildung" aus und damit 26 Einrichtungen weniger als noch im Jahr 1998 (vgl. Tabelle 1). Dieser Rückgang geht jedoch allein auf die Entwicklung in den westlichen Bundesländern zurück. Während in östlichen Bundesländern die Zahl der Einrichtungen von 33 im Jahr 1998 auf 77 im Jahr 2006 gestiegen ist, ist sie im Westen im besagten Zeitraum von 319 auf 249 Einrichtungen zurückgegangen. Damit ist die Anzahl der Einrichtungen in den westlichen Bundesländern um 22% gesunken, in den östlichen Bundesländern hingegen - wenn auch von einem niedrigen Niveau ausgehend - um 133% gestiegen. Für Deutschland ergibt sich daraus eine prozentuale Abnahme um gut 7%.

Tabelle 1: Einrichtungen der Eltern- und Familienbildung nach Trägerschaft in Ost- und Westdeutschland (1998 - 2006)

Bundesländer

Insgesamt

Öffentlicher Träger

Freier Träger

abs.

%

abs.

%

 

1998 (TAB 02)

West (inkl. BE)

319

49

15,4

270

84,6

Ost

33

2

6,1

31

93,9

Insgesamt

352

51

14,5

301

85,5

 

2002 (TAB 02)

West (inkl. BE)

312

34

10,9

278

89,1

Ost

53

1

1,9

52

98,1

Insgesamt

365

35

9,6

330

90,4

 

2006 (TAB 71)

West (inkl. BE)

249

44

17,7

205

82,3

Ost

77

1

1,3

76

98,7

Insgesamt

326

45

13,8

281

86,2

Quelle: Statistik der Kinder- und Jugendhilfe, Einrichtungen und tätige Personen ohne Kindertageseinrichtungen, versch. Jahrg.; Berechnungen der Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Sowohl in West- als auch in Ostdeutschland befindet sich der Großteil der Einrichtungen in freier Trägerschaft wobei in den westlichen Bundesländern jede fünfte bis sechste Einrichtung in öffentlicher Hand liegt. Gleich wohl spielen Einrichtungen der Familienbildung in den westlichen Bundesländern eine größere Rolle: 76% der in der amtlichen Statistik geführten Einrichtungen befinden sich im Westen. Die Trägerstruktur in den alten und neuen Bundesländern ist außerordentlich heterogen und unterscheidet sich deutlich voneinander: Konfessionell gebundene Träger spielen in den neuen Bundesländern (sicherlich erwartungsgemäß) keine Rolle, während sie in den alten Ländern das Bild prägen.

In den genannten Einrichtungen arbeiteten 2006 insgesamt 2.196 MitarbeiterInnen (davon 91% Frauen); 517 Personen weniger als noch acht Jahre zuvor (vgl. Tabelle 2). Auch bei den Beschäftigten zeigen sich die gleichen Entwicklungen wie bei der Anzahl der Einrichtungen: Die Beschäftigtenzahlen gehen zurück und diese Entwicklung basiert ebenso wie bei den Einrichtungen auf einem Rückgang in den westlichen Bundesländern.

Tabelle 2: Tätige Personen in Einrichtungen der Eltern- und Familienbildung (inkl. Hauswirtschaft/Technik, 1998 - 2006)

Bundesländer

Insgesamt

Öffentlicher Träger

Freier Träger

abs.

%

abs.

%

 

1998 (TAB 04)

West (inkl. BE)

2.550

490

19,2

2.060

80,8

Ost

163

6

3,7

157

96,3

Insgesamt

2.713

496

18,3

2.217

81,7

 

2002 (TAB 04)

West (inkl. BE)

2.155

371

17,2

1.784

82,8

Ost

214

4

1,9

210

98,1

Insgesamt

2.369

375

15,8

1.994

84,2

 

2006 (TAB 74)

West (inkl. BE)

1.869

438

23,4

1.431

76,6

Ost

327

5

1,5

322

98,5

Insgesamt

2.196

443

20,2

1.753

79,8

Quelle: Statistik der Kinder- und Jugendhilfe, Einrichtungen und tätige Personen ohne Kindertageseinrichtungen, versch. Jahrg.; Berechnungen der Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Knapp 57% der im Jahr 2006 tätigen Personen waren dies im Rahmen eines regulären Besdchäftigungsverhältnisses. Auffällig ist der hohe Anteil in der Kategorie "sonstiges Personal": 41% des Personals in Einrichtungen der Eltern- und Familienbildung im Vergleich zu knapp 10% in der Kinder- und Jugendhilfe (ohne Tageseinrichtungen) insgesamt werden in dieser Kategorie geführt. Hier dürften sich zwar die nebenberuflichen MitarbeiterInnen verbergen, gleichwohl ist der Anteil Nebenberuflicher gering und in der Familienbildung tatsächlich deutlich höher. Ein Grund für diese Untererfassung könnte darin liegen, dass in der amtlichen Statistik HonorarmitarbeiterInnen nur dann gezählt werden, wenn sie innerhalb eines Jahres mindestens drei zusammenhängende Monate in der Einrichtung gearbeitet haben. Wie es um das Verhältnis zwischen Haupt- und Nebenberuflichen tatsächlich bestellt ist, zeigt eine Studie für die Familienbildungslandschaft in Baden-Württemberg: Hier waren 63% auf Honorarbasis tätig, 20% ehrenamtlich, dagegen lediglich 11% in einer unbefristeten Beschäftigung (vgl. John 2003, S. 109).

Neben den genannten Angaben gibt die amtliche Statistik noch Auskunft zur Ausbildung des Personals. Insgesamt überwiegen die "sonstigen Ausbildungsabschlüsse" mit einem Anteil von 45%. Danach folgen als zweitgrößte Gruppe mit 34% die an Hochschulen ausgebildeten (Sozial-)Pädagog/-inn/en. Ebenfalls eine vergleichsweise große Berufsgruppe stellen die an Fachschulen ausgebildeten Erzieher/innen mit einem Anteil von 17% dar. Während der Anteil der tätigen Personen mit einer "sonstigen Ausbildung" im Osten und Westen nahezu gleich hoch ist, spielen in den östlichen Bundesländern die Erzieher/innen mit 23% und in den westlichen Bundesländern die Sozialpädagog/inn/en mit 35% eine größere Rolle.

Wenig aussagekräftig ist derweil die Differenzierung nach Arbeitsbereichen des Personals in den Einrichtungen der Familienbildung. Die notwendigerweise grobe Klassifizierung des statistischen Bundesamtes weist folgende Arbeitsbereiche aus: 53% des Personals in den ausgewiesenen Einrichtungen ist im Bereich "Allgemeine Förderung der Erziehung in der Familie (§16 SGB VIII)" tätig. 17% arbeiten in der Verwaltung (einschließlich wirtschaftlicher Jugendhilfe), jeweils rund 10% sind in den Bereichen Fort- und Weiterbildung, Leitung/Geschäftsführung oder als Referenten in Behörden, Vereinen und Verbänden tätig.

Auffällig ist ferner die sehr kleine Anzahl von nur 326 Einrichtungen im gesamten Bundesgebiet. Tatsächlich liegt die Zahl der Einrichtungen der Eltern- und Familienbildung deutlich höher. Allein die Mitgliedseinrichtungen der drei Bundesarbeitsgemeinschaften der Familienbildung (1) zählen bundesweit mehr als 500 Einrichtungen und bei diesen handelt es sich nur um jene, die explizit und (fast) ausschließlich Angebote für Eltern und/oder Kinder vorhalten; ungezählt also die familienbezogenen Angebote von anderen Bildungseinrichtungen, von Kirchen, Vereinen/Verbänden, Selbsthilfeinitiativen (insbesondere auch die der Mütterzentren), Hebammenpraxen oder Kliniken. So ermittelte Lösel (2006) bei seiner Bestandsaufnahme über 6.000 Einrichtungen mit Angeboten im Bereich der Eltern- und Familienbildung. Die KJH-Statistik bildet die Familienbildungslandschaft also nur unzureichend ab. Eine Ursache für die Diskrepanz zwischen amtlicher Statistik und tatsächlichem Bestand dürfte darin liegen, dass Eltern- und Familienbildung im Spannungsfeld zwischen Jugendhilfe und Erwachsenenbildung angesiedelt ist und sich dies auch in den Finanzierungsmodalitäten dieser Form familienunterstützender Angebote wiederspiegelt: Neben dem KJHG dienen als Rechtsgrundlage auch Erwachsenen- und Weiterbildungsgesetze sowie verschiedene länderspezifische Richtlinien (vgl. John 2003, Schiersmann u.a. 1998). Möglicherweise zeigt diese Diskrepanz aber auch, dass die Eltern- und Familienbildung - trotz ihrer Verankerung im KJHG - noch immer nicht in der Kinder- und Jugendhilfe angekommen ist (vgl. Pettinger/Rollik 2005). Auffällig ist derweil, dass sowohl die Anzahl der Einrichtungen als auch die Anzahl der tätigen Personen - insbesondere in den westlichen Bundesländern - weiter zurückgehen, die Bedeutung der Eltern- und Familienbildung im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe also eher abnimmt.

Schließlich stellt sich die Frage, welche Weiterentwicklungsmöglichkeiten die amtliche Statistik bietet? Denkbar wäre etwa eine Maßnahmenstatistik wie sie für die Jugendarbeit geführt wird; die dann allerdings den Erfordernissen der Familienbildung anzupassen wäre. Die Maßnahmenstatistik der Jugendarbeit umfasst Träger und Art der Maßnahme (dies wäre für die Familienbildung sicherlich differenzierter und evtl. auch thematisch zu erfassen), Dauer der Maßnahme sowie Anzahl und Geschlecht der TeilnehmerInnen (für die Familienbildung wäre auch die Erfassung des Alters der AdressatInnen sinnvoll, um Angebote für Erwachsene und Kinder von denen unterscheiden zu können, die sich ausschließlich an Erwachsene richten).

Nachteile einer solchen Maßnahmenstatistik bestünden jedoch zum einen darin, dass nur Bildungsangebote im engeren Sinne, d.h. Angebote, die in Form von Kursen, Seminaren oder Freizeiten organisiert sind, erfasst werden könnten. Außen vor blieben niedrigschwellige, offene Angebote, deren Ausbau aber gerade sowohl von PraktikerInnen als auch WissenschaftlerInnen gefordert wird (vgl. Rupp 2002). Ungelöst bliebe zum anderen auch das Problem, dass nur ein Teil der Einrichtungen  überhaupt in der amtlichen Statistik auftaucht. Hier wäre zu hinterfragen nach welcher Systematik Einrichtungen derzeit in die Statistik Eingang finden.

Kirsten Fuchs-Rechlin

 

Literatur:

John, B.: Familienbildung in Baden-Württemberg. Statistisches Landesamt Baden-Württemberg: Familienwissenschaftliche Forschungsstelle 2003.

Lösel, F.: Bestandsaufnahme und Evaluation von Angeboten im Elternbildungsbereich. Abschlussbericht, Juli 2006, Erlangen: Institut für Psychologie, Universität Erlangen-Nürnberg, in: www.bmfsfj.de/doku/elternbildungsbereich/html/10pdf/pdf01.html [26.02.2011].

Pettinger, R./Rollik, H. (2005)

Rupp, M.: Stärkung der Familie durch Familienbildung. Konsenspapier und Fazit der Abschlussdiskussion der Tagung »Familienbildung im Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis«. In: Forum Erwachsenenbildung, 2002, H. 1, S. 73-74.

Schiersmann, Ch./Thiel, U./Fuchs, K./Pfizenmaier, E.: Innovationen in Einrichtungen der Familienbildung. Eine bundesweite empirische Institutionenanalyse. Opladen 1998.

Statistisches Bundesamt, Fachserie 13, Reihe 6.3,, 1998.

Statistisches Bundesamt, Fachserie 13, Reihe 6.2,, 2000.

Textor, M.R.: Familienbildung als Aufgabe der Jugendhilfe. In: SGB VIII - Online-Handbuch. www.sgbviii.de/S18.html [06.11.2003]. 

 

Anmerkungen:

1) Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelischer Familien-Bildungsstätten e.V., Bundesarbeitsgemeinschaft Katholischer Familien-Bildungsstätten, Bundesarbeitsgemeinschaft Familienbildung und Beratung e.V. (AGEF)